Murray Rothbards Ideen repräsentieren eine Synthese aus Ökonomie, Politikwissenschaft, Jurisprudenz und sozialwissenschaftlichen Theorien. Sein Werk stellt „vielleicht das kraftvollste und raffinierteste Plädoyer für den individualistischen Anarchismus in diesem Jahrhundert dar, wenn nicht gar in der gesamten Geschichte dieser speziellen Sozialphilosophie“, wie Norman P. Barry schreibt. Es zeichnet sich zudem durch einen eingängigen, geistreichen und humorvollen Stil aus.
Rothbard argumentiert, unter Berufung auf John Locke, radikal naturrechtlich. Nach seiner Auffassung hat jeder Mensch von Natur aus bestimmte Rechte: Redefreiheit, Versammlungsfreiheit, Informationsfreiheit, Vertragsfreiheit, vor allem aber das „Recht auf die eigene Person und auf die Früchte eigener Arbeit“. Bemerkenswerterweise leitet Rothbard jedes dieser Rechte von einem „natürlichen Recht auf Eigentum“ ab. Er steht damit in der Tradition der Stoa, der mittelalterlichen Scholastik sowie des klassischen Liberalismus.
Weiterhin ist Rothbards Denken von Ludwig von Mises’ Analyse des Gütertausches und von der spezifisch nordamerikanischen libertären Tradition geprägt.
Sein Credo besteht im Wesentlichen aus zwei Axiomen:
* (i) Jeder Mensch, ob jung ob alt, ob arm ob reich, ob männlich oder weiblich, hat ein absolutes und natürliches Recht auf sich selbst.
* (ii) Jeder Mensch, wiederum ohne Ausnahme, hat ein ebenso absolutes und natürliches Recht auf eine ‘Heimstatt’ (homestead).
Diese beiden Axiome werden von Rothbard als nicht verhandelbar vorausgesetzt.
Aus seinen axiomatisch gesetzten Voraussetzungen entwickelt Rothbard anti-paternalistische Argumente. Jeder Anspruch, den Nutzen für eine andere Person besser bestimmen zu können als diese selbst, wird von ihm zurückgewiesen. Als Grundcharakteristikum eines freiheitliches Zusammenlebens gilt ihm der freie Tausch von Gütern und Dienstleistungen. Er ist insofern auch konsequent, wenn er sogenannte ‘Verbrechen ohne Opfer’ wie Glücksspiel, Prostitution, Pornographie, sexuelle Abweichungen, Tragen einer Schusswaffe und Drogenkonsum als naturrechtlich geschützte Sphären begreift.
Als Verkörperung des Paternalismus gilt Rothbard der Staat. Der Staat sei nicht nur ein Vormund der Bürger, sondern ein unverhohlener Aggressor, indem er ständig und in großem Maßstab die natürlichen Rechte der Bürger verletze. Als Beispiele nennt Rothbard u. a. die militärische Zwangsrekrutierung, die Besteuerung und die Schulpflicht. Die Schulpflicht erzeuge systematisch Uniformität, untergrabe damit die Diversität und verletze ebenso systematisch das (natürliche) Elternrecht. Außerdem bürde sie dem Staat ein Entscheidungsproblem auf, das dieser grundsätzlich nicht lösen könne: Soll die Erziehung z. B. eher progressiv oder eher konservativ sein? Falls die Eltern in dieser Frage nicht einig seien, werde stets eine beträchtliche Minderheit, vielleicht sogar eine Mehrheit in ihren Interessen erheblich verletzt. Die Steuererhebung sei Raub, bestenfalls Zwang zur Bezahlung nicht bestellter Dienste. Die Wehrpflicht sei im Wesentlichen Kidnapping, möglicherweise sogar Mord. Wenn die Repräsentanten des Staates der Auffassung seien, dass der Staat verteidigt werden müsse, dann sollten sie sich, wie jeder Bürger in seinen Geschäften auch, an den Markt wenden und dort durch entsprechende Offerten Personen anwerben.
Jeder Staat, auch ein demokratischer Verfassungsstaat, verletze die natürlichen, individuellen Rechte, da jeder Staat letztlich eine monopolistische Erzwingungs- und Gewaltagentur sei. Die üblichen demokratischen Verfahren und die üblichen Verfassungen seien staatliche Einrichtungen, die stets im Interesse der jeweiligen Machthaber funktionieren. Ein wirksamer Schutz des Einzelnen könne nur durch eine radikale Entstaatlichung herbeigeführt und gewährleistet werden. Diese Entstaatlichung solle auch Verkehrswege, Schulen, Hochschulen, Polizei, Rechtswesen und Streitkräften betreffen.